Ich kenne das Buch seit ca. Mitte der Neunziger. Kennengelernt habe ich es zu einer Zeit, in der Unix längst kein unlösbares Rätsel mehr für mich darstellte. Zu verdanken war dieser Zustand einer studienbegleitenden Tätigkeit im Rechenzentrum des Fachbereichs (deren Wert, nebenbei bemerkt, für meine Ausbildung kaum zu überschätzen ist) und meinen dortigen Kollegen (Hallo Stefan, Hallo Carsten!), deren Know-how mir im Jahre 1993 als (immer noch) Unix-Neuling unerschöpflich erschien; vermutlich ist es das noch immer. Dass dann irgendwann die 1000+ Seiten »Unix Power Tools« in unserem Büro herumlagen, hat einen überraschenden Effekt ausgelöst. Da kommt man mit dem System ziemlich gut klar, deutlich mehr als ein purer Benutzer, und dann stellt man fest, verdammt, es gibt so viele Dinge, die man bislang nicht nur nicht beherrschte, sondern von deren Existenz man bis dato keine Ahnung hatte. In diesem Fall sind diese unbekannten »Dinge« die Möglichkeiten, die Unix dem (versierten) Anwender bietet.
Weshalb schreibe ich heute, knapp 15 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage, über dieses Buch (derzeit liegt die dritte Auflage vor)? Ganz einfach: Ich nutze diese Tage »zwischen den Jahren« , um ein wenig am Rechner zu spielen und Dinge zu tun, für die im Arbeitsalltag keine Zeit und in der umgebenden Freizeit keine Lust bleibt. Und wie könnte es anders sein, natürlich treten Hindernisse auf. In einer Zeit, in der es scheinbar einfacher ist zu googeln als selbst zu denken, einer Zeit, in der das Wort »recherchieren« auf der Liste der bedrohten Arten steht, mag es ungewöhnlich sein, bei Rechnerproblemen ein Buch in die Hand zu nehmen. Der Grund ist einfach: Wonach soll ich googeln, wenn ich weder weiß, wie ich das Problem benennen soll, noch einen Begriff kenne, der in der möglichen Lösung vorkommt? Mit einer Ausnahme: »ps« . Vermutlich kann mir irgendwie »ps« helfen. Danach brauche ich erst gar nicht zu suchen. Die »Manpage« liegt näher. Wenn da nicht die »Power Tools« wären. Seit ich das Buch kenne, hat es sich zu einer meiner drei primären Quellen für Unix-Know-how entwickelt: Manpages, Internetsuche, Power Tools (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge).
Aufbau des Buches und wie man es liest
Das Buch ist in 51 Kapitel gegliedert. Sie sind zu neun Teilen zusammengefasst:
- Basic Unix Environment
- Customizing Your Environment
- Working with Files and Directories
- Basic Editing
- Processes and the Kernel
- Scripting
- Extending and Managing Your Environment
- Communication and Connectivity
- Security
Jedes Kapitel besteht aus einzelnen, in der Regel unzusammenhängenen Artikel. Ihre Zahl variiert in den Kapiteln zwischen knapp zehn bis rund 30. Einen Zusammenhang stellt natürlich das übergeordnete Thema dar. Artikel sind meist kurz, auch mal nur eine halbe Seite, manchmal mehrere Seiten. Sie sind problemorientiert. Ein Artikel enthält die Beschreibung einer Lösung eines (nach Meinung der Autoren) praxisrelevanten Problems oder um die entsprechend relevante Hintergrundinformation.
Die eigentliche Schwierigkeit ist das Finden des richtigen Artikels. Hier zeigt sich,
dass die
»Unix Power Tools«
keine Rezeptsammlung für Anfänger sind. Der Leser muss schon
eine Ahnung haben, wonach er im Inhalts- oder Stichwortverzeichnis zu suchen hat.
Wenn man es als Kochbuch in Betracht zieht, dann bitte nur für gute Köche. Da das Finden eines
Artikels auch für solche Leser nicht einfach ist, lohnt es sich manchmal durchaus, im
Inhaltsverzeichnis nach dem passenden Thema zu suchen und einfach mal 'reinzulesen.
In meinem aktuellen Fall fand ich die Antwort nicht bei
»ps«
, sondern im
Abschnitt 24.9
»The /proc Filesystem«
Steht irgendetwas nicht drin?
Ja. Vermutlich. Vermutlich sehr viel. Ich werde es aber nie herausfinden.
Bis auf eines: Es fehlt alles, was neumodisch ist. Also zum Beispiel »X« (You know? »A window system called X, not an X window system« ). Keine graphische Oberflächen, kein X, kein CDE, kein KDE, kein Gnome. Drin sind also nur Dinge, die man wirklich braucht und so funktionieren, wie es die Manpage verrät.
Und ist mein *nix-Dialekt drin? Keine Ahnung, aber die gröbsten Unterschiede zwischen BSD und System V sind berücksichtigt. An keiner Stelle versprechen die Autoren Vollständigkeit. Die gebotenen Lösungen laufen u.U. nicht alle Out-of-the-box, die Manpages werden nicht obsolet. Wie gesagt ein Buch für gute Köche. Die Artikel der dritten Auflage sind aber hinsichtlich der Unterschiede von Linux, FreeBSD und Mac OS X überarbeitet worden.
Kaufen?
Nicht fragen. Kaufen!
Und was soll der Titel bedeuten?
Bevor ich das Buch heute zur Hand nahm und überlegte, diesen Blog-Artikel zu schreiben, hätte ich Geld verwettet, dass auf dem Cover ein schweizer Armeemesser abgebildet wäre. Die Bohrmaschine finde ich unpassend. Klar, bei Power denkt man eher an »durch die Wand brechen« . Bei dem Buch denke ich aber eher an »immer das passende Werkzeug« . Als ich das Cover bewusst ansah, fragte ich mich, »führen Soldaten der schweizer Armee eine Bohrmaschine in ihrer Ausrüstung mit sich?«
